Hals über Kopf

von SV Assai am 27.12.2020 / in Feedreader

Der Plan ist, den heutigen Tag noch gemütlich zu verbringen und wollen am kommenden Tag, am Mittwoch, morgens wieder abreisen. Das soll anders kommen. Aber von Anfang an.

Diese Nacht schlafen wir viel besser. Das ist super. Vor allem, weil es trocken bleibt von oben. Als wir aufstehen ist es leicht bewölkt. Oben am Affenfelsen, wo wir gestern noch so eine hervorragende Aussicht hatten, könnte man jetzt nicht die Hand vor Augen sehen. Gut, das wir gestern oben waren. Heute wollen wir an den südlichsten Punkt Europas (das geographische Europa) und den dortigen Leuchtturm besuchen.

Wir laufen nach einem guten Frühstück los. Der Weg ist anders als gestern. Zuerst entlang dem Industriehafen. Gibraltar ist wirklich spannend. Hier liegen alte, schöne Gebäude neben neuen super hässlichen Gebäuden. Dem Militär gehört eh die Hälfte und überall findet man Kanonen aller Größe sowie im Fels eingelassene Geschützpunkte.

Geschützpunkte eingelassen im Felsen
Ein weiteres Geschütz oben rechts.

Auch am hiesigen Trockendock kommen wir vorbei und können einen Blick durch den Zaun darauf werfen. Gestern konnten wir noch ein Boot darin liegen sehen. Heute ist es schon wieder draußen.

Links neu und grässlich, rechts hübsch und alt
Trockendock
Weiteres Trockendock

Bald sind wir am Leuchtturm, an dem schönstes Wetter herrscht. Drehen wir uns um, sehen wir, wie sich die Wolken am Felsen sammeln. Uns pustet der Wind ganz schön um die Ohren. Wir beobachten die Möven und die Tölpel. Die Tölpel sind faszinierend zu beobachten. Sie stehen in der Luft und stoßen dann auf einmal wie ein Torpedo ins Wasser hinab um Fische zu jagen. Wir schauen ihnen lange zu.

Die Wolken sammeln sich am Berg
Leuchtturm am südlichsten Punkt Europas

Unser Rückweg führt uns vorbei an unfassbar vielen unterschiedlichen Häusern. Von Cottage Style zu Waldhäuschen, zu riesig. Es ist unfassbar vielschichtig. Und garantiert unfassbar teuer.

Feudal
Hübsch
Tut nur so als wäre es klein
Aber sicher teurer

Wir laufen an der Straße entlang zurück und kommen zum botanischen Garten. Dort finden wir Baumgeister und Anzuchthäuser für Kakteen.

Baumgeist
Im botanischen Garten
Kiefer eines Wahls

Noch einmal laufen wir kurz durch die Hauptstraßen auf der Suche nach einem bestimmten Gin und einem guten Whiskey. Wir sind nach knapp 10 Kilometern allerdings ziemlich müde und erledigt und geben bald auf. Zu Gunsten von Essen. Es zieht uns zurück zum Boot. Kaum da, begonnen wir mit schnippeln. Wir haben Hunger.

Gerade als wir angefangen haben, kommt der Nachbar John vorbei und klopft. Er fragt Jens, ob seine Freunde (wir) noch da seien. Ja schon. John erzählt uns die neuesten Informationen. Ab 18 Uhr soll die Grenze komplett dicht gemacht werden. Für alle außer Einwohner aus Gibraltar oder La Linea. Das auch nur, weil Gibraltar ohne die Arbeiter aus der Nachbarstadt La Linea nicht überlebensfähig wäre. Als Quelle dafür nennt er einen Twitter Post der Regierung von Gibraltar.

Wir gucken auf die Uhr. Es ist kurz vor fünf. Das wäre jetzt arg stressig, aber machbar. Allerdings, wie vertrauenswürdig ist diese Information? Ist es etwa wie stille Post? Wir können die Info über die Schließung der Grenze nirgends online finden. Wir rufen Emma an. Die beiden sind schon länger hier und wissen vielleicht eher, wo man die Infos her bekommt.

Die Nachrichten im lokalen Radio um fünf Uhr lassen uns auch ratlos zurück. Die erwähnen die etwaige Grenzschließung mit keinem Wort. Wäre sowas nicht durchaus eine Nachricht Wert? Vor allem, weil das ja gerade erst entschieden wurde.

Da die Zeit drängt beschließen wir, jetzt schon mal zu packen und uns auf die Abreise vorzubereiten. Alex packt seine sieben Sachen, während ich mit Emma telefoniere.

Die Dame in dem Marina Büro hat gesagt, dass es stimmt. Also, müssen wir los. Es ist schon zwanzig nach Fünf. Jens sprintet los und holt das Auto. Wir werfen alles in unsere Rucksäcke, während Stefan und Emma schon da stehen und uns verabschieden.

Als wir zum Hänger laufen, kommen Emma und Stefan mit. Schnell den Hänger ans Auto, mit dem Jens gerade ankommt. Alle nochmal herzlich verabschieden und los.

Alles ist Hals über Kopf. Wir sind uns nicht mal sicher, ob wir noch raus kommen, denn schließlich ist das die letzte Chance für alle anderen. Wer weiß, wie voll die Grenze ist. Noch schnell voll tanken bei 90 britischen Pennys und los. Um fünf vor sechs überqueren wir absolut unbehelligt die Grenze. Der spanische Grenzbeamte winkt und raus. Oha.

Er kann leider nur Spanisch und unseres reicht nicht, um ihn zu verstehen. Google Translate hilft. In Spanien ist es wohl üblich, dass Anhänger und Auto das gleiche Kennzeichen haben und nun fragt er, warum das bei dem Gespann nicht der Fall ist. Das Problem ist schnell geklärt und um Punkt sechs Uhr sind wir auf spanischem Territorium.

Da wir nur kurz etwas snacken konnten, halten wir beim spanischen Lidl nochmal an und versorgen uns mit dem nötigsten für die Fahrt. Wir sortieren uns nochmal und los geht es, Richtung Portugal. Es ist wesentlich mehr los auf dem Straßen als auf der Hinfahrt, aber alles läuft problemlos und etwas mehr als vier Stunden später sind wir wieder gut in Portimao angekommen.

Hier räumen wir nur noch kurz das Auto aus und fallen dann doch ziemlich müde ins Bett. Der Tag war lang und aufregend. Wer hätte das gedacht? Wir sind etwas bestürzt ob der rasanten Entwicklung der Dinge und extrem dankbar dem Nachbar John, ohne dessen Info wir vermutlich bis zum 5. Januar dort fest gesessen hätten.

Nun fragen wie uns auch, was all die Briten über Silvester tun wollen. Dank des Brexit müssen alle Boote mir britischer Flagge sich in EU Gewässern aufhalten. Wenn nicht, müssen sie die Mehrwertsteuer für ihr Boot nochmals entrichten. Jetzt ist die Grenze aber gesperrt, das betrifft natürlich auch den Seeweg. Uns das Problem haben sich unsere Freunde von der Pintail. Leider ist da noch keine Lösung in Sicht.

Goodbye Gibraltar

Der Beitrag Hals über Kopf erschien zuerst auf Living aboard SV Assai.

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